Otto Rahn und der Orden der Templer in Homberg an der Ohm

Über den Gralsforscher Otto Rahn schrieb der aus Friedberg stammende Schriftsteller Albert H. Rausch (nach dessen Autorennamen Henry Benrath noch heute eine Schule in Friedberg benannt ist) einmal sehr treffend:

„[Er] folgte, als er seine opfervolle und außergewöhnliche Arbeit begann, einer Witterung. Die Dinge, deren Erforschung er sich hingab, kamen ihm entgegen, weil er ihre Aura halb bewußt, halb unterbewußt in sich trug: weil er – aus niemals ganz zu klärenden Gründen - berufen war, ihr Deuter zu werden. Belanglos, ob seine Deutung in allen Einzelheiten unanfechtbar sei: ja mehr als belanglos.

Wichtig dagegen, daß eine Deutung gefunden wurde, welche eine geradezu hinreißende Fähigkeit erweist, jahrtausendtiefe Beziehungen zwischen letzten Dingen darzutun: Beziehungen, die nur ein völlig amusischer, von allen guten Geistern verlassener Rationalist zu leugnen vermöchte.“

Wahre Worte aus der Feder eines Kenners und Freundes. Rahn, der sein Leben neben der Geschichte der Katharer vor allem der Erforschung der alten Sagen und Mythen gewidmet hat, ist nicht zuletzt durch seinen frühen und bis heute nicht geklärten Tod selbst zu einem Mythos geworden. Offiziell Mitte März 1939 bei einem Schneesturm in den Alpen ums Leben gekommen, ranken sich die Gerüchte von einem (erzwungenen) Freitod bis hin zu einem möglicherweise ebenfalls nicht ganz freiwilligen Untertauchen.

Träfe letztere zu, so hätte Rahn noch genug Zeit für die Fortsetzung seiner Arbeiten gelassen und es gibt einige Anhaltspunkte, die in diese Richtung weisen. Denn Rahns mutmaßlich Leiche wurde erst am 11. Mai 1939 in Söll am Wilden Kaiser aufgefunden und war bereits so stark verwest, dass die Identifikation anhand der Aussage zweier Kinder, die ihn zuletzt lebend gesehen hatten, und seines Reisepasses erfolgte.

Rahn reiste sehr viel und wechselte seinen Wohnort so oft, dass eine komplette Rekonstruktion seiner Aufenthaltsorte heute nahezu unmöglich erscheint. Dass er nach eigener Aussage schon als Junge oft und lange in Homberg an der Ohm gelebt hat und auch später immer wieder an diesen Ort zurück kehrte, dürfte heute nur noch wenigen bekannt sein. Und dennoch verband ihn sehr viel mit dem idyllischen Städtchen an der Ohm.

Rahns Patenonkel, Wilhelm Spamer, hatte in der Oberstadt eine Buchhandlung mit angegliederter Buchdruckerei und Buchbinderei. Wie sehr er sich seinen in Homberg lebenden Verwandten verbunden fühlte, geht aus einem Brief hervor, den Rahn am 3. November 1937 an den Präsidenten der Reichsschrifttumskammer, Hanns Johst, adressierte. Dort schreibt er, dass der zu diesem Zeitpunkt bereits verstorbene Wilhelm Spamer sein Patenonkel gewesen sei und das Haus Spamer dasjenige, das ihm neben(!) seinem Elternhaus am nächsten stehe.

Rahns Familie stammte väterlicherseits aus Zeilbach, nur 18 km von Homberg entfernt. Das Haus mit der Schmiede im Gartengrundweg existiert heute leider nicht mehr. Rahn hat es jedoch indirekt in seinem letzten Buch verewigt: „Oberhessen, welches das Land meiner Väter ist. In einem Dorf an bewaldeten Höhen, die den Gau gegen Süden abzuschließen scheinen, haben sie seit Menschengedenken den Boden bebaut, vor dem Amboß gestanden, Korn zu Mehl gemahlen oder in niedrigen Stuben überm Webstuhl gesessen.“

Seine Mutter wiederum kam aus Michelstadt im Odenwald, wo Otto Rahn am 18. Februar 1904 das Licht der Welt erblickte. Von 1906 bis 1914 lebte die Familie in Bingen am Rein und zog dann nach Gießen, wo Otto Rahn im Jahre 1918 in der Johanniskirche konfirmiert wurde und vier Jahre später am Landgraf Ludwig Gymnasium sein Abitur machte. Sein Interesse für das Schicksal der Katharer wurde bereits zu dieser Zeit geweckt. Nach einem längeren Forschungsaufenthalt in Okzitanien, dem ehemaligen Land der Katharer, veröffentlichte er 1933 beim Urban-Verlag sein Buch über deren Schicksal: Der „Kreuzzug gegen den Gral“.

Mit der Konzeption seines in diesem Werk bereits angekündigten Buches über Konrad von Marburg dürfte er bereits Ende 1933 recht weit gekommen sein. Mit einiger Wahrscheinlich man hat ihm jedoch, als er es veröffentlichen wollte, nahegelegt, auf eine Veröffentlichung zu verzichten bzw. diese b.a.w. zurückzustellen, da man Seitens der neuen Regierung den Burgfrieden mit der Kirche nicht gefährden wollte . Das Manuskript gilt bis heute als verschollen.

Sein nächstes Buch, das er im April 1937 veröffentlichte, trug den Titel „Luzifers Hofgesind. Eine Reise zu den guten Geistern Europas“. Dieses Werk hat er zu großen Teilen in Homberg geschrieben und dort im August 1936 nach seiner Rückkehr von einer Forschungsreise nach Island vollendet.

Gleich im ersten Kapitel schreibt er:

„Das oberhessische Städtchen, in dem ich lebte und dieses Buch schrieb, wird von den Mauerresten einer Burg überragt. Unweit des Burgtores steht eine uralte Linde. […] Blickte ich, unter der Linde stehend, nordwärts, so wurde mein Auge von einem jäh aufragenden Basaltkegel gebannt. Auf dessen Gipfel hatte der Apostel der Deutschen eine klösterliche Feste: die Amöneburg.“

Die uralte Linde, die er hier erwähnt, ist auf der Fotografie am Beginn dieses Kapitels zu sehen.

Rahn schildert in diesem Buch nicht nur wo, sondern auch, wie es entstanden ist und mit welcher Intention er es geschrieben hat. Seine Vorgehensweise beschreibt er dabei wie folgt:

„Wie der Künstler, der an einem Mosaik schafft, zuerst die Steinchen der verschiedenen Farben anhäufen muß, um sie dann erst in das vorerlebte und in Umrissen vorgezeichnete Werk einzusetzen, so habe auch ich gehandelt. Unter mannigfachen Himmeln und in ungleichen Landen habe ich Ahnungen und Erkenntnisse gewonnen. Deren Gesamtheit ergab die Gesamtschau. Ich habe durch Weglassung, Ergänzung oder Unterstreichung, nicht zuletzt auch die Umformung die aus meinem Tagebuch ausgewählten Blätter so gestaltet, daß das von mir im Geist geschaute Bild von anderen betrachtet, begriffen und geliebt werden könne. Möge meine Hand eine glückliche gewesen sein!“

In Homberg hatte Rahn nicht nur Verwandte, sondern auch Freunde und Bekannte, wovon heute noch Erinnerungsstücke wie ein Gästebucheintrag anlässlich einer Einladung zum Weihnachtsgansessen oder eine aufgehobene Glückwunschkarte zur Konfirmation zeugen. Zu Rahns Freundeskreis gehörte auch die auf dem Schloss lebendende Familie Goetz; bei der Hochzeit der Dorothée Götz mit Dr. Karl Otto Hartmann am 20. August 1937 zählte Rahn ebenfalls zu den Gästen. Von Dr. Wilhelm Emil Goetz, dem Vater der Braut, stammt das zwischenzeitig verschollene „Raucherportrait“ von Rahn, dass ihn mit einer Zigarette in der Hand zeigt.

Otto Rahn überschreibt fast jedes der 56 Kapitel seiner „Reise zu den guten Geistern Europas“ mit dem zugehörigen Ortsnamen. Nur bei den dreien, die in Homberg spielen, erwähnt er den Ortsnamen nicht. Hier finden wir möglicherweise einen indirekten Hinweis darauf, dass Rahn sich nicht nur wegen des gesellschaftlichen Lebens oft und gerne in Homberg aufhielt, sondern an diesem Ort auch auf etwas gestoßen ist, was im Rahmen seiner historischen Forschungen von Interesse für ihn war und das er nicht vorzeitig enthüllen wollte.

Denn ein ähnlich vorsichtiges Verhalten, was die Preisgabe seiner aktuellen Forschungsaktivitäten anbelangt, wird aus einem Brief ersichtlich, den er am 27. September 1935 (also nur etwa ein Jahr, bevor er sein Buch „Luzifers Hofgesind“ in Homberg vollendet hat) an Karl Maria Wiligut adressierte. Dort schreibt er, dass er auf ganz große Überraschungen gestoßen sei und bittet zugleich darum, mit niemandem vor Erscheinen seines Buches „Montsalvat und Golgatha“ über das zu sprechen, was er ihm nur mündlich anvertrauen wollte.

Aus dem in diesem Brief erwähnten Buch „Montsalvat und Golgatha“ sollten dann tatsächlich zwei Bände werden: „Luzifers Hofgesind“, das im April 1937 im Schwarzhäupter-Verlag erschien, und als Folgeband „Das Testament des Prometheus“. Er schreibt im letzten Kapitel von „Luzifers Hofgesind“ explizit, dass die Tagebuchblätter, aus denen den Folgeband entstehen soll, bereits vor ihm auf seinem Schreibtisch liegen. Das war im Spätsommer 1936 im Haus der Witwe des aus Friedberg stammenden Dr. Friedrich Eduard Quentell in der Gartenstraße auf der Südseite des Burgberges (heute: Am Burghain) in Homberg Ohm. Dr. Quentells Kinder aus erster Ehe, Aenne und Ludwig Quentell, waren schon seit ihrer Kindheit mit dem eingangs zitierten Albert H. Rausch aus Friedberg befreundet, der ja wiederum auch ein Freund und Schriftstellerkollege Rahns war.

Von seinen beiden Zimmern im Obergeschosses des Ostflügels der Quentell-Villa hat man noch heute einen sehr schönen Blick auf das Waldgebiet südlich von Homberg, in dem der „Freie Mann“ und der Dörnberg liegen.

Rahn schreibt dazu in seinem letzten Kapitel: „Ich weiß in der Nähe einen von mächtigen Tannen bestandenen Waldweg. Er kommt von einem Gewann, welches der Freie Mann heißt, und führt über den Dornberg zum Ransberg. Dort liegt eine Trift: der Rosengarten. Der Weg heißt Diebsweg.

Ich trage den Dietrich mit mir …“

Die mythologische Bedeutung des Rosengartens, wie sie uns in der Sage vom König Laurin überliefert ist, gehört zu den Themen, mit denen Rahn sich immer wieder beschäftigt hat. Nur wenige Menschen dürften heute noch wissen, dass es etwas nördlich vom Ransberg bei Ober-Gleen tatsächlich ein Gewann gibt, das den Namen „Am Rosengarten“ trägt. Folgt man dem von Rahn beschriebenen Diebsweg vom Freien Mann über den angrenzenden Dörnberg nach Ober-Gleen zum Ransberg, so gelangt man durch schon früh besiedeltes Gebiet mit zahlreichen Hügelgräbern, in dem das heutige Naturschutzgebiet „Im Lützelgrund“ bei Maulbach liegt. Hier offenbart sich, wie sehr Rahn den Worten Jakob Grimms gerecht wurde, die er seinem letzten Buch voranstellte:

„Wer seine Heimat lieb hat, muß sie auch verstehen wollen; wer sie verstehen will, muß überall in ihre Geschichte zu dringen suchen.“ 

Alten Quellen zufolge sollen die Templer in der Zeit von 1110 bis 1311 auch auf dem Homberger Schloss einen Stützpunkt gehabt haben. Noch bis ins späte neunzehnte Jahrhundert hinein hieß der ehemalige Sakralbau auf dem Schlossgelände beim Volk die "Tempelherrnkapelle". Dieser Umstand war Otto Rahn mit seiner engen Verbindung nach Homberg sicherlich bekannt und er dürfte diesem Hinweis nicht zuletzt aufgrund der von ihm gesehenen Berührungspunkte zwischen Katharern und Templern nachgegangen sein.

Durch seine in Frankreich geknüpfte Freundschaft mit der Gräfin Pujol-Murat offenbarte sich für Rahn nämlich in der Person des Hugues de Payens, dem Gründer des Templerordens, eine Verbindung zwischen den Katharern und den Templern, ähnlich wie Bernhard von Clairvaux ein direktes Bindeglied zwischen Templern und Zisterziensern war. In seinem „Kreuzzug gegen den Gral“ zieht Rahn weitere Parallelen.

Wir können daher heute mit einiger Gewissheit davon ausgehen, dass er seine Erkenntnisse zu diesem Thema in seinem bereits 1936 begonnenen Fortsetzungsband „Das Testament des Prometheus“ festgehalten hat. Leider ist dieses Buch nicht mehr erschienen und das Manuskript, an dem er nachweislich noch bis mindestens 1938 weitergearbeitet hat, gilt bis heute als verschollen. Ebenso sein Roman „Sebastian“, der höchstwahrscheinlich ein Fragment geblieben ist.

Am Ende des Kapitels „Bei Verwandten im Hessischen“ hinterlässt uns der Gralssucher Otto Rahn die folgenden Worte, mit denen er sein lebenslanges Suchen für die Nachwelt festgehalten hat:

„...ich schreite getrost ins Dunkel hinein, wissend, daß das Licht in der Finsternis hell wird und daß Gottsucht Meere überschreiten oder Berge versetzen kann. Nicht gehe ich blindlings meinen Weg. Sollten aber meine Augen versagen, so taste ich. Ich reise in die Kreuz und Quere, doch habe ich ein Endziel: Dort hoffe ich den aus Luzifers Krone gefallenen Stein, wenn nicht die Krone selber zu finden. Ich suche den Stein der Weisen. Seit Jahren. Wie vieler Jahre werde ich noch bedürfen? Auch der Tastsinn ist einer unserer Sinne. Je schwächer der Sehsinn wird, um so einsichtiger und hellfühlender wird der Mensch. Weshalb soll ich durch die Finsternis, darin das Licht hell wird, nicht tasten? […] Versagt auch der Tastsinn, so weiß ich ein letztes Mittel, um den Weg nicht zu verfehlen. Ich lasse meine Seele die Flügel ausspannen. Wer sich vor dem Schwindel sicher glaubt, der folge …“

Blick von Südwesten auf das Homberger Schloss. Der 9. Längengrad führt direkt hindurch.

Rahn verfasste seinen oben bereits erwähnten geheimnisvollen Brief an Karl Maria Wiligut am 27.9.1935. Auf den Tag genau 84 Jahre später fand im Kaminsaal des Homberger Schlosses ein Vortrag zum Thema Temperherren in Homberg an der Ohm statt, den ich hier im Einvernehmen mit dem Autor wiedergeben möchte:

Vortrag "Tempelherren in Homberg an der Ohm" vom 27. September 2019

 

--- Fortsetzung folgt ---